Abwrackprämie: Das Wort des Jahres ist ein alter Hut
Von:
Martin Hildebrandt
Vor 259 Tagen 14 Stunden 10 Minuten

Das Wort des Jahres lautet Abwrackprämie. Nicht „kriegsähnliche Zustände“, nicht „Schweinegrippe“, nicht „Weltklimagipfel“. Die Wahl der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) ist keine Überraschung und doch ein Fehler - denn die Abwrackprämie gibt es schon seit Jahren. Das weiß nur kaum jemand und vor allem wissen es die Sprachforscher nicht.
Was bedeutet abwracken? Ist es dasselbe wie verschrotten? Was ist ein Wrack und was ist Schrott? Gibt es neben der Schrottpresse auch eine Wrackpresse? Nein, und damit sind wir schon ziemlich nah am Kernbegriff. Autos werden nämlich gar nicht abgewrackt, sie werden verschrottet. Der Begriff Abwracken kommt aus dem Schiffsbau und bedeutet die Demontage eines alten Kahns. Und dementsprechend wird in der Schiffsindustrie eine Abwrackprämie gezahlt. Eingeführt 1989 von der EU, damals EG.
In der „Verordnung (EWG) Nr. 1101/89 des Rates vom 27. April 1989 über die Strukturbereinigung in der Binnenschifffahrt“ heißt es: „Der Eigentümer eines Schiffs nach Artikel 2 Absatz 1 erhält beim Abwracken dieses Schiffs aus dem Fonds, bei dem das Schiff gemeldet ist, im Rahmen der diesem zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel eine Abwrackprämie gemäß Artikel 6.“
Das Wort des Jahres ist also ein ziemlich alter Hut. Ganze zwanzig Jahre alt! Die Abwrackprämie wurde eingeführt, um dem „strukturellen Schiffsraumüberhang“ entgegenzuwirken. Analog dazu wäre eine Abwrackprämie bei Autos dafür gedacht, Staus zu verringern. Schön wär‘s. Aber vielleicht hat die Regierung ihre Prämie deshalb gar nicht Abwrackprämie genannt, sondern Umweltprämie. Denn das Ziel sollte es sein, besonders alte und damit umweltschädliche Fahrzeuge zu entsorgen. Nur hat das keiner geglaubt. Die meisten Bürger haben eher vermutet, die Prämie würde gezahlt, damit die Automobilindustrie besser durch die Krise kommt. Sie hätte also Autoherstellerprämie heißen müssen, denn die Hersteller sind es, die profitieren. Nur klingt Autoherstellerprämie nicht so gut und wäre damit nicht zum Wort des Jahres gewählt worden. Aber es wäre der passendere Begriff gewesen.
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