'Motorradmänner'-Kolumne
Hemi Ride: Ein kleiner Film über B-Klasse-Rocker mit Humor

Das Leben ist kein Katzenvideo! Kolumnist Jan Joswig diesmal über fünf Freunde, fünf selbstgebaute Motorräder und einen Auftrag.

Das Roadmovie beginnt.

Der Mythos fährt beim Motorrad immer mit. Und jeder Biker glaubt die Definitionsmacht gepachtet zu haben. Auf eine echte Motorradtour geht nur:

  • wer kein Begleitfahrzeug hat
  • wer Landstraße statt Autobahn wählt
  • wer in Schutzkleidung fährt, statt mit Jeans und Jethelm zu posen
  • wer mit Jeans und Jethelm fährt, aber auf keinen Fall in Schutzkleidung

Früher hieß das Auswahlkriterium: Bart. „Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die dürfen mit.“ Der Streit um „echt“ oder „Poser“ ist in den Kommentaren zum Film „Hemi Ride“ entbrannt, in dem fünf norddeutsche Bike-Bastler zur Katzenbeerdigung nach Dänemark juckeln, mit dabei Maximilian Funk.

Unverkennbar Maximilian Funk.

In „Hemi Ride“ bedient das Filmteam „Faust & Heisler“ die klassischen Bilder von Männern, Motorrädern, Sonnenuntergängen, erwartungskonform angestachelt von Wilde-Macker-Mucke. Cowboy, grüß’ mir den Horizont. Aber „Hemi Ride“ kann mehr und driftet in seinen 35 Minuten vom Image-Film immer wieder Richtung Buddy-Movie, in dem die Spannungen in der Gruppe wie in einem Detlev-Buck-Film mit nordischer Lakonie ausgetragen werden:

„Dieses Hinterhergeknatter hinter Wohnwagen … Motorradfahren stelle ich mir doch ein bisschen anders vor.“

„Wir können uns als 3-B-Rocker auf die Schultern klopfen, dass wir überhaupt 300 Kilometer geschafft haben.“

„Prost.“

Die unterschiedlichen Eigenschaften der Protagonisten schälen sich à la „Es war einmal in Amerika“ heraus. Die sperrigsten Charaktere sind die auf Harley („Ich hasse das, wenn jeder in der Gegend rumgurkt … dieses Pussy-Scheiß-Gefahre geht mir auf den Sack.“), der mit der Vernunftmenschen-Aura („Salzwasser und Sand ist der Tod für jedes von Menschen erschaffene Produkt“) fährt eine moderne Yamaha.

Dem Showdown geht eine philosophische Sequenz über das Thema Freiheit voraus:

„Wenn du auf den Kontoauszug guckst und da steht null Euro, dann möchte ich deine Freiheit sehen.“

„Freiheit ist Hippie-Gequatsche aus den 60ern.“

Buddys, Bikes und Bier.

Beim narrativen Höhepunkt, der Katzenbeerdigung, treten die Motorräder ganz zugunsten der Trauerarbeit zurück. Biker sinnieren darüber, wie sie eine emotionale Nähe zu einer Katze aufbauen – wie man danach in den Kommentaren über den einzig wahren Motorrad-Geist streiten kann, will mir nicht einleuchten.

Eine wahre Geschichte über Freundschaft und Freiheit und wo beides zu finden ist:

Jan Joswig_________________________

Jan Joswig (*1967) lebt in Kreuzberg, solange er zurückdenken kann, und schreibt über Menschen, Mode und Motoren. Der studierte Kunstgeschichtler ist Stilkolumnist beim Musikexpress, arbeitet für diverse Magazine wie Intersection, Zitty, Zoo Magazine – und ist bekennender Motorrad-Fan. Warum, erzählt er regelmäßig hier.

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