'Motorradmänner'-Kolumne
Lebendige Weltliteratur im Motorradmuseum

Kulturverständnis durch Praxis und Geschichte: Jan Joswig zu Besuch im Motorradmuseum und in der Bikerweltliteratur.

Als 100 km/h noch wie 200 km/h waren: Original-Motorräder aus den zwanziger Jahren.

Als 100 km/h noch wie 200 km/h waren: Original-Motorräder aus den zwanziger Jahren

Jetzt weiß ich, wie sich Leonhardt und Nikolaus auf ihrer Indian fühlen. In Heimito von Doderers epochalem Roman “Die Dämonen” (mindestens so gut wie Eckhard Henscheids “Die Vollidioten”) kurven die beiden in den 20er Jahren durchs österreichische Burgenland. Dank dem Motorradmuseum in Berlin Kreuzberg habe ich ihr Motorrad genau vor Augen – und weiß, dass die Maschinen in den 20ern mit 17 PS und 150 Kilogramm Gewicht schon über 100 Stundenkilometer fuhren. In einer Epoche, die sich gerade vom Pferdefuhrwerk verabschiedet hatte, müssen sich 100 km/h mindestens so angefühlt haben wie heutzutage 200 km/h. Man wollte die “pfnurrenden Kolben” hören, wie Doderer schreibt.

Motorrad_Museum_Seitenwagen_Jan_Joswig_300

Und Seitenwagen gibt's dort auch

Im Motorradmuseum sind etwa 20 Maschinen zwischen 1920 und 1970 ausgestellt, von Horex über Panther und NSU bis BMW und BSA. Das Museum ist Teil der Werkstatt Ideal Seitenwagen. Im Zweimannbetrieb werden hier die alten Seitenwagen aus den 30ern bis 50ern der Firma Steib nach Originalvorlagen nachgebaut. Verkaufsleiter Stefan Klein erläutert: “Für die Steib-Seitenwagen existiert eine Baumusterprüfung aus den 50ern. Die hat heute noch Bestand vor dem TÜV.” Außerdem restauriert und repariert Ideal Oldtimer-Motorräder. “Das geht bis Baujahr Ende 70er Jahre”, grenzt Stefan Klein ein, “wir beschränken uns auf Motorräder ohne Elektronik.” Ideal interessiert sich für den historischen Originalzustand der Motorräder und Seitenwagen, Custom-Bikes sollen andere bauen.

Ohne diese Möglichkeit zur Zeitreise würde mir ein wichtiges Anschauungserlebnis zu “Die Dämonen” fehlen. Die 20er Jahre in Österreich werden durch eine Oldtimer-Garage in einem Kreuzberger Hinterhof wieder lebendig. Und welches Seitenwagen-Motorrad fuhr noch mal Tim aus “Tim & Struppi”?

Jan Joswig_________________________

Jan Joswig (*1967) lebt in Kreuzberg, solange er zurückdenken kann, und schreibt über Menschen, Mode und Motoren. Der studierte Kunstgeschichtler ist Stilkolumnist beim Musikexpress, arbeitet für diverse Magazine wie Intersection, Zitty, Zoo Magazine – und ist bekennender Motorrad-Fan. Warum, erzählt er regelmäßig hier.

Ähnliche Artikel
 1 2 3 4
Hot am Heck: Michael Webers Street Track R
Heißa die Street Track R, das nenne ich einen…

Wheels & Waves: Der Biker als Gesamtkunstwerk
Motorradmann Jan Joswig war in Biarritz an der…

Leder ist für Loser: C-Evolution von BMW
Irgendwann muss Motorradfahren auch eine gemütliche…

Cafe Racer 69: Mini-Chopper für Innenstadt-Mocker
Früher kloppten sie sich, heute kaufen sie in den…

One - Leben am Limit
Kurz Ach damals. Die Doku „One – Leben am Limit“ erzählt von einer Zeit, als die Formel…

Mein Urlaubsflirt: Yamaha DT 175
In Kolumbiens Verkehr verschränken sich Chaos und Reglement auf eine Weise, an die man sich als…

Ähnliche Galerien
1 2 3
Schlagwörter