'Motorradmänner'-Kolumne
Jesse Hughes und pinke Biker

Der Frontmann der Eagles of Death Metal kennt den härtesten Job der Welt: schwuler Biker im Bible Belt der USA. Und Jan Joswig kennt den zweithärtesten, nämlich Muttersöhnchen.

Jesse Hughes

Eagles Of Death Metal-Frontmann Jesse Hughes ist nicht nur überzeugter Schnurrbartträger. "Purple Rain" und pinke Biker sind auch nach Jesses Geschmack.

Jesse Hughes mag zwar die größte Quatschtüte der Welt sein, aber er quatscht mit der Hand auf dem Herzen. Vorurteile kennt er nicht, er provoziert sie höchstens beim Gegenüber mit seinem Bekenntnis zu den Republikanern und der Waffenliga.

Provokation, das ist das A und O des Rock’n'Roll. Deshalb verehrt der Besitzer einer Harley Davidson Sportster schwule Biker. Sie riskieren eine geradezu lebensmüde Provokation des Biker-Machismo, führt Jesse bezwingend aus: “Im Süden der USA bedeutet Schwulsein an sich einen Affront. Schwule Biker leben dort doppelt gefährlich: die wahren Helden der USA! 100% Rock’n'Roll!”

Jesse liebt ferner die Idee von Operette und Motorrad: “Das Cover von Prince’ ‘Purple Rain’ ist nicht schlecht. Mit seiner Frisur würde er jeden Helm sprengen”, sagt er. “Aber weißt du, was eines meiner Lieblings-Videos ist? Falcos ‘Rock me Amadeus’ mit Pompadour-Damen und einer echten Rocker-Gang.”

Und wie das alles zusammen passt, erklärt Jesse auch: “Mozart und Biker, das ist die definitive Aufhebung aller Klassenschranken. In dem Film ‘Pink Angels’ von 1971 erschüttert eine schwule Biker-Gang die USA. Das ist genauso Rock’n'Roll. Meine Idee der Biker-Kultur hat mehr mit dem Glam-Star Gary Glitter in Paillettenjacke zu tun als mit Marlon Brando in ‘The Wild One’.”

Dazu passt Jesses nächste Idee für sein Projekt mit Marshall Headphones. Nachdem er alte Hardrock-Legenden interviewt hat, schwebt ihm als Fortsetzung eine Supergroup vor mit Meat Loaf und The Edge von U2, die gemeinsam eine Ballade singen. Das dürfte Falcos “Rock me Amadeus” locker das Wasser reichen.

Wer sich wundert, dass es keine Fotos von Jesse auf einem Motorrad gibt: Das Bilderverbot schuldet er seiner Mutter. Sie würde sich zu Tode ängstigen, würde sie ihren Bub auf einem Bock sehen. Auch so eine unbesungene Helden-Rolle: der Rock’n'Roller als Muttersöhnchen.

Jan Joswig_________________________

Jan Joswig (*1967) lebt in Kreuzberg, solange er zurückdenken kann, und schreibt über Menschen, Mode und Motoren. Der studierte Kunstgeschichtler ist Stilkolumnist beim Musikexpress, arbeitet für diverse Magazine wie Intersection, Zitty, Zoo Magazine – und ist bekennender Motorrad-Fan. Warum, erzählt er regelmäßig hier.

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