'Motorradmänner'-Kolumne
Die schönste Triumph von Berlin

Jan Joswig hat für seine Kolumne ein neues Schmuckstück entdeckt: die kleine Werkstatt Pig 7 von Michael Renzel, dessen Leidenschaft für die Triumph – und alten Kreuzberggeist.

Irgendwo in einem Kreuzberger Hinterhof: Michael Wenzl und seine Triumph

Irgendwo in einem Kreuzberger Hinterhof: Michael Renzel und seine Triumph

Wenn man Motorradmänner nach Sehenswürdigkeiten in Berlin fragt, wird man zu Schrotti’s Inn in der Zossener Ecke Blücherstraße geschickt oder zum Obi-Flohmarkt in Neukölln – beides einwandfreie Tipps, übrigens. Customize-Ästhet Ede Wipfler aber empfiehlt einen Abstecher in die Melchiorstraße zu Michael Renzels Garage Pig 7: “Michael hat die schönste Triumph Berlins gebaut”, sagt Ede.

“Die Triumph war ein einziger Schrotthaufen, als ich sie gekauft habe”, lacht Michael. “Mit 18 habe ich mir eine Yamaha SR 500 gekauft. Wegen eines Unfalls habe ich Schmerzensgeld bekommen, das ich in das Triumph-Wrack investiert habe. Nach der Restauration und ein paar Tausend Kilometern Fahrt habe ich sie zerlegt – und nicht mehr die Muße gefunden, sie wieder zusammenzusetzen. Dann wurde mir zufällig ein Triumph-Starrrahmen angeboten.” Michael erinnerte sich an seinen alten Plan: einen Bopper zu bauen. Er schraubte den Pre-Unit-Motor seiner T 110 in den Rahmen und ergänzte das Gerüst mit so wenigen Teilen wie nötig – und davon so vielen Original-Triumph-Teilen wie möglich. Einige baute er in Einzelanfertigung originalgetreu nach. “Das hintere Schutzblech habe ich umgebördelt wie die originalen Vorderschutzbleche von Triumph aus den 50ern, die gibt es nicht mehr zu kaufen. Ich habe viele Schrauben selbstgemacht, Schlitzschrauben aus Edelstahl. In den 50ern hat man Schlitzschrauben statt Inbus eingesetzt. Schlitzschrauben aus Edelstahl gibt es ab Werk gar nicht. Man nimmt Sechskantschrauben, dreht sie rund und schlitzt sie.”

Pig 7

Eine Triumph nach der anderen: Michael Renzels Garage 'Pig 7' in Berlin-Kreuzberg

Rasanz und Kompaktheit schaukeln sich bei dem Bopper permanent gegenseitig hoch. Das schnittige Dreieck des Rahmens wird durch das Halbrund des Hinterrradschutzbleches ausgebremst: ein Renner, der mühsam an der Leine gehalten wird. Und das nicht nur optisch. Beim Drag Race in Finsterwalde hat die Triumph letztes und vorletztes Jahr gewonnen, in Finowfurt beim Race 61 ist sie 2012 Zweiter geworden.

ACAB

Soviel Kreuzberg muss noch sein: Das Kürzel ACAB steht für "All Cops Are Bastards"

In Michaels Werkstatt Pig 7 stehen im Augenblick noch zwei weitere Triumphs, aber festgelegt ist er nicht: “Ich konzentriere mich auf ältere Alltagsmotorräder mit Tendenz zu Oldtimern, typoffen und sehr breit aufgestellt. Customize-Aufträge übernehme ich gerne, wenn sie durchführbar sind”, sagt er. Neben alten Motorrädern verkauft er neue Modelle von Royal Enfield und Ural. Klassische Motorräder, die gerade noch bei den aktuellen TÜV-Bestimmungen durchrutschen.

Den Kreuzberg-Geist der Werkstatt hat sein Lehrling übrigens in Metall gestempelt. Er hat sich eine Fußraste gebaut, die für die TÜV-Abnahme eine Nummer brauchte. Also ließ er sich ACAB auf die Raste stempeln: All Cops Are Bastards. Bei jeder Kontrolle vergleichen die Polizisten Raste und Papiere: “ACAB – korrekt!”

Jan Joswig_________________________

Jan Joswig (*1967) lebt in Kreuzberg, solange er zurückdenken kann, und schreibt über Menschen, Mode und Motoren. Der studierte Kunstgeschichtler ist Stilkolumnist beim Musikexpress, arbeitet für diverse Magazine wie Intersection, Zitty, Zoo Magazine – und ist bekennender Motorrad-Fan. Warum, erzählt er regelmäßig hier.

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