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'Motorradmänner'-Kolumne Die schönste Triumph von Berlin
von Jan Joswig am 25. Oktober 2012
Jan Joswig hat für seine Kolumne ein neues Schmuckstück entdeckt: die kleine Werkstatt Pig 7 von Michael Renzel, dessen Leidenschaft für die Triumph – und alten Kreuzberggeist. Wenn man Motorradmänner nach Sehenswürdigkeiten in Berlin fragt, wird man zu Schrotti’s Inn in der Zossener Ecke Blücherstraße geschickt oder zum Obi-Flohmarkt in Neukölln – beides einwandfreie Tipps, übrigens. Customize-Ästhet Ede Wipfler aber empfiehlt einen Abstecher in die Melchiorstraße zu Michael Renzels Garage Pig 7: “Michael hat die schönste Triumph Berlins gebaut”, sagt Ede. “Die Triumph war ein einziger Schrotthaufen, als ich sie gekauft habe”, lacht Michael. “Mit 18 habe ich mir eine Yamaha SR 500 gekauft. Wegen eines Unfalls habe ich Schmerzensgeld bekommen, das ich in das Triumph-Wrack investiert habe. Nach der Restauration und ein paar Tausend Kilometern Fahrt habe ich sie zerlegt – und nicht mehr die Muße gefunden, sie wieder zusammenzusetzen. Dann wurde mir zufällig ein Triumph-Starrrahmen angeboten.” Michael erinnerte sich an seinen alten Plan: einen Bopper zu bauen. Er schraubte den Pre-Unit-Motor seiner T 110 in den Rahmen und ergänzte das Gerüst mit so wenigen Teilen wie nötig – und davon so vielen Original-Triumph-Teilen wie möglich. Einige baute er in Einzelanfertigung originalgetreu nach. “Das hintere Schutzblech habe ich umgebördelt wie die originalen Vorderschutzbleche von Triumph aus den 50ern, die gibt es nicht mehr zu kaufen. Ich habe viele Schrauben selbstgemacht, Schlitzschrauben aus Edelstahl. In den 50ern hat man Schlitzschrauben statt Inbus eingesetzt. Schlitzschrauben aus Edelstahl gibt es ab Werk gar nicht. Man nimmt Sechskantschrauben, dreht sie rund und schlitzt sie.” Rasanz und Kompaktheit schaukeln sich bei dem Bopper permanent gegenseitig hoch. Das schnittige Dreieck des Rahmens wird durch das Halbrund des Hinterrradschutzbleches ausgebremst: ein Renner, der mühsam an der Leine gehalten wird. Und das nicht nur optisch. Beim Drag Race in Finsterwalde hat die Triumph letztes und vorletztes Jahr gewonnen, in Finowfurt beim Race 61 ist sie 2012 Zweiter geworden. In Michaels Werkstatt Pig 7 stehen im Augenblick noch zwei weitere Triumphs, aber festgelegt ist er nicht: “Ich konzentriere mich auf ältere Alltagsmotorräder mit Tendenz zu Oldtimern, typoffen und sehr breit aufgestellt. Customize-Aufträge übernehme ich gerne, wenn sie durchführbar sind”, sagt er. Neben alten Motorrädern verkauft er neue Modelle von Royal Enfield und Ural. Klassische Motorräder, die gerade noch bei den aktuellen TÜV-Bestimmungen durchrutschen. Den Kreuzberg-Geist der Werkstatt hat sein Lehrling übrigens in Metall gestempelt. Er hat sich eine Fußraste gebaut, die für die TÜV-Abnahme eine Nummer brauchte. Also ließ er sich ACAB auf die Raste stempeln: All Cops Are Bastards. Bei jeder Kontrolle vergleichen die Polizisten Raste und Papiere: “ACAB – korrekt!” Jan Joswig (*1967) lebt in Kreuzberg, solange er zurückdenken kann, und schreibt über Menschen, Mode und Motoren. Der studierte Kunstgeschichtler ist Stilkolumnist beim Musikexpress, arbeitet für diverse Magazine wie Intersection, Zitty, Zoo Magazine – und ist bekennender Motorrad-Fan. Warum, erzählt er regelmäßig hier. Ähnliche Artikel Eine Shoppingtour unseres Motorradmanns Jan Joswig endete mit einer unerwarteten Entdeckung: Im… Jan Joswig nimmt in seiner Kolumne den ehemaligen italienischen Motorradhersteller Laverda ins… Die Bilder von Gerd Marschand lassen den Hamburger Kiez der 60er, 70er und 80er Jahre… Ach, das erste Moped! Jan Joswig kramt diesmal in den Rappelkisten-Erinnerungen von Menschen.… Wer auf der Suche nach dem passenden Motorrad ist: Jan Joswig erzählt diesmal von einem…
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