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'Motorradmänner'-Kolumne Ede Wipfler und seine kinetischen Plastiken
von Jan Joswig am 18. Oktober 2012
Mit seinem Geo-Ingenieur-Büro Geco macht Eckhard Wipfler unter der Woche Probebohrungen oder ortet verschüttete Kampfmittel. Am Wochenende widmet er als Ede Wipfler Herz, Hand und Kunstverstand den Motorrädern – seit mehr als 35 Jahren, weiß Jan Joswig. ![]() Ein Mann und seine Leidenschaft: "Ich ziehe viel Befriedigung aus dem Arbeiten in der Garage", sagt Eckhard "Ede" Wipfler. Wie er da so sitzt, glaubt man ihm jedes Wort. Fahren und schrauben sind für Ede Wipfler von Anfang an untrennbar. Sein erstes motorisiertes Zweirad, eine NSU Quickly, streckte er zum Chopper, nachdem er “Easy Rider” gesehen hatte. Das erste ausgewachsene Motorrad, eine Yamaha XS 650, baute er mit 18 zum Café Racer um. Die Café-Racer-Gattung hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Er definiert sie so: “Stummellenker, langer Tank, Einmannsitzbank (niemals Doppelsitzbank!), das Hinterrad ragt über das Heck hinaus.” ![]() Der Motorradschrauber ist ein Bildhauer - auch wenn Edes Garage auf den ersten Blick nach Kunst kaum aussieht. Zur Yamaha kamen über die Jahre eine Moto Guzzi Le Mans 1 von ’78, eine Ducati Mike Hailwood Replica von ’84 und eine Norton von ’73, an der er gerade arbeitet, hinzu. “Ich ziehe viel Befriedigung aus dem Arbeiten in der Garage. Es ist ein kreativer Prozess. Das Geheimnis eines Café Racers besteht darin, dass man Form, Funktion und Proportion zusammenbringt. Das ist fast ein künstlerischer Anspruch”, findet Ede. “Manchmal geht es um einen Zentimeter. Das muss man sehen, das entwickelt sich nur, wenn man es Jahre lang macht.” Zwischendurch hat er eine BMW von ’81 als Enduro für den Motocross-Einsatz umgebaut – neu aufgebaut, müsste man eher sagen. Ede erinnert sich: “Anfang der 90er bin ich auf Enduro umgesattelt, fünf Jahre lang, wir sind viele Rennen gefahren. Die Mauer war gefallen. Der Osten war Enduro-Land. Alles war erlaubt, man konnte sich durch die Wälder schlagen. Damals bin ich eine KTM LC 4 600 gefahren, hatte dann aber Lust, mir eine Oldschool-Enduro aufzubauen, die BMW ist es geworden.” Bei einem gelungenen Motorradumbau balancieren sich Ästhetik und Funktion so delikat aus wie bei einem Mobile von Alexander Calder und fügen sich die disparatesten Teile zu solch einer schlüssigen Collage zusammen wie bei Jean Tinguely. An Edes Enduro-BMW stammen weder die Schutzbleche noch die Sitzbank noch der Lenker noch der Tank noch die Luftfilter noch die Gabel noch die Auspuffanlage noch die Armaturen von BMW, selbst der Motor ist auf sein Minimum abgeschliffen. Aber die Gesamterscheinung glänzt mit austariertester Harmonie bis ins kleinste Detail. Der Motorradschrauber ist ein Bildhauer, Punktum. Nur dass er auf seiner kinetischen Plastik auch noch wie bescheuert durch Kurven brettern kann. Der Bildhauer braucht die Anerkennung des Kulturestablishments, um sich bestätigen zu lassen, was sein Werk wert ist. Der Motorradschrauber braucht nur eine Rennstrecke, um den Wert seines Werkes zu erfahren. Das macht ihn viel souveräner als den Bildhauer (mal von Alfred Hrdlicka abgesehen, der hatte einen coolen Stiernacken). So wie der Kunstmaler sich vom Anstreicher abgrenzt, so unterscheidet sich der Customizer vom Motorradmechaniker. Auch ein Anstreicher muss viele knifflige Probleme lösen, er ist Spezialist auf seinem Gebiet. Aber das schöpferische Element fehlt. Ede will nicht nachbauen, er will neu bauen: “Auf Originaltreue lege ich keinen Wert. Es gibt keine originalen Café Racer. Ein Café Racer ist ein modifiziertes Motorrad. Teile zusammensuchen im Internet und solch ein Ding original rekonstruieren, das ist für mich keine Kunst. Ich würde auch nie für andere Öl wechseln und Ventile einstellen, das interessiert mich schon bei meinen Motorrädern nicht, das ist nur Pflichtarbeit, hat nichts mit Kreativität zu tun. Motorradmechaniker ist überhaupt kein Traumberuf für mich, eigentlich genau das Gegenteil.” Sagt’s, und seine Motorradphalanx baut sich hinter ihm zum Beweis auf, wie weit man sich vom bloßen Motorradmechaniker weg zum Schöpfer kinetischer Plastiken bewegen kann. Jan Joswig (*1967) lebt in Kreuzberg, solange er zurückdenken kann, und schreibt über Menschen, Mode und Motoren. Der studierte Kunstgeschichtler ist Stilkolumnist beim Musikexpress, arbeitet für diverse Magazine wie Intersection, Zitty, Zoo Magazine – und ist bekennender Motorrad-Fan. Warum, erzählt er regelmäßig hier. Ähnliche Artikel Wer auf der Suche nach dem passenden Motorrad ist: Jan Joswig erzählt diesmal von einem… Marcel Proust konstatierte melancholisch, dass Träume in Enttäuschung münden, sobald man sie…
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