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'Motorradmänner'-Kolumne Jörg Niemeyer und das Classic-Offroad-Festival Wietstock
von Jan Joswig am 20. September 2012
In einem Wettbewerb werden automatisch die ersten drei disqualifiziert. Warum sich über diese Ungeheuerlichkeit niemand beschwert, weiß unser Kolumnist in seiner aktuellen Kolumne. Oldtimer-Motorradtreffen können eine sehr verkniffene Veranstaltung sein: gewienerte Bikes, geschmierte Tollen, gewichste Boots – und der allerpingeligste Originalitäts-Dogmatismus. Ganz anders beim Classic-Offroad-Rennen in Wietstock bei Berlin. Statt piekfeiner Poser regieren beim Festival des MC Steglitz buntscheckige Sandkasten-Anarchos. Dreadlocks, St-Pauli-Aufnäher, Blaumann plus Strohhut, verbeulte Tanks, notgeschweißte Rahmen und Farbeimerdeckel als Schilder für die Rennnummer verbildlichen den Geist dieser Oldtimer-Szene. Die beiden Helden von Wietstock, Initiator Jörg Niemeyer auf seiner 1957er BSA Gold Star und der rasende Feuerwehrmann Christian Mies auf seiner 250er Yamaha von 1974, tragen gestreifte Shirts – genauso wie der unverbesserliche Tunichtgut Lee Marvin, die geheime Identifikationsfigur in „The Wild One“ (während Marlon Brando in seiner spätpubertären Perfecto-Lederjacke nur darauf wartet, dass ihm ein richtiger Erwachsener endlich mal den Kopf wäscht – so ein Verräter). Jörg Niemeyer startete schon 1987 mit seiner Berliner Clique Oldtimer-Trials. Dazu mussten sie die Mauerstadt mit dem gesamten Equipment gen Hannover verlassen. Erst nach Mauerfall konnten sie im Umland von Berlin ein passendes Gelände finden. Seit 1999 organisiert Jörg Niemeyer mit dem MC Steglitz auf dessen Motocross-Gelände bei Wietstock das Classic-Offroad-Rennen. Von anfangs 18 Fahrern hat sich die Starterzahl bei 100 eingependelt, die sich in verschiedene Baujahr- und Hubraumklassen aufteilen. Schon damals kamen 6 der 18 Motorräder aus der Schrauberwerkstatt von Jörg Niemeyer. Seit 3 ½ Jahren kümmert er sich in Hamburg bei „Single & Twin feat. Niemeyer“ um alte Engländer, vornehmlich BSA. Er umreißt die Offroad-Geschichte: „Anfangs haben die Hersteller Straßenmotorräder genommen, Stoppelreifen aufgezogen, Aluschutzbleche, breiten Lenker ran und fertig. Wie meine BSA auch. Überall, wo der Rahmen gebrochen ist, wurden dicke Eisenklumpen gegengeschweißt. Von da aus ist es dann spezieller geworden, Spezialfahrwerke wurden entwickelt. Man kann locker mal 25.000 Euro investieren.“ Niemeyer weiter: „Es gibt mittlerweile eine relativ große Szene mit dem Hessen-Cup, dem Bayern-Cup. Die fahren moderne Motocross-Räder und man selbst ist ein bisschen der Pausenclown: ‘Guck mal, so ist man früher gefahren, haha.’ Eine reine Oldtimer-Veranstaltung wie Wietstock gibt es nur noch einmal in Deutschland: der Wildsau-Pokal in Schnaitheim.“ Eine unschlagbare Besonderheit zeichnet Wietstock aus: die Hobby-Klasse. „Die Hobby-Klasse gibt es sonst nirgends, das ist unsere Erfindung. Jede Gurke, die gerade um den Kurs rumkommt, ist willkommen. Die Klasse ist gut besucht. Die ersten drei in der Hobby-Klasse werden disqualifiziert, damit sie einen Ansporn haben, nächstes Mal in einer richtigen Klasse zu fahren.“ Die Ersten werden die Letzten sein. Wenn das nicht ein Statement von geradezu biblischer Größe ist!
Fotocredits: www.timadler.de Ähnliche Artikel Ach, das erste Moped! Jan Joswig kramt diesmal in den Rappelkisten-Erinnerungen von Menschen.… Wer auf der Suche nach dem passenden Motorrad ist: Jan Joswig erzählt diesmal von einem…
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