'Motorradmänner'-Kolumne
Kreuzberg-Motorrad II: Yamaha SR 500

Der Punk im Tank: Jan Joswig über Vorbilder, Filmemacher Sel Dizman und dessen Yamaha SR 500.

Deutsche Dorfrocker und Kiezrocker unterscheiden sich fundamental in ihrer Ausrichtung auf die englischsprachigen Motorradkulturen. US-amerikanische Langhaarmähnen mit Affenschaukel stehen als Vorbilder gegen britische Pomadeköppe mit Stummellenker. Die britische Café-Racer-Szene, lebendig seit einem halben Jahrhundert, liefert immer noch die Blaupause für die Innenstadtszenen. Was dem Engländer seine Triumph, Norton oder BSA, ist dem notorisch klammen Berlin-Bohemien die SR 500 von Yamaha. Wer sie als die Triumph des kleinen Mannes bezeichnet, meint das so anerkennend, wie man den Ford Capri als die Corvette des kleinen Mannes neckte. Aus der Not wurde Charakter geboren. Die SR 500 zeigt, was sie hat, nicht mehr: ein Einzylinder-Motorrad ohne E-Starter, seit Ende der Achtziger fast unverändert über 15 Jahre gebaut. Die Batterie kann eigentlich über Bord geworfen werden, dann ist die SR auch schon komplett nackt.

Sel Dizman vor seiner SR 500: Ein ganzheitlicher Motorradfahrer, wie man sieht

"Meine Kleidung wähle ich aus Respekt vor der Maschine": Sel Dizman vor seiner Yamaha SR 500

Sel Dizman, Berliner Jung’, Filmer und ästhetisch ganzheitlicher Motorradfahrer (“Meine Kleidung wähle ich aus Respekt vor der Maschine”), verbindet mit seiner SR eine Langzeitbeziehung. “Ich hatte das britische Ding vor Augen, Café Racer, das ‘Ace Cafe’ in London, Lederjacken, die auf dem Rücken beschrieben sind. Die britische Motorradkultur ist punkiger als die US-amerikanische. Ich habe zuerst meinen Motorradführerschein gemacht, da war ich schon über 20, dann den fürs Auto. Ich habe von einer alten Triumph geträumt, gekauft habe ich bereits damals meine SR 500. Ich bin extrem gerne damit durch die Stadt gefahren – und ins Nachtleben. Sie stand immer direkt am Eingang vom Picknick (Berlins erste Adresse in der Post-Electroclash-Phase, A.d.V.). Manchmal hatte ich auch einen zweiten Helm dabei.” Das Motorrad als Chick-Magnet – auch Jan Mihm wollte diesen Mythos nicht beerdigt wissen. Ich kann mit meiner BMW kein Lied davon singen. Aber gut, ein Motorrad, das “Gummikuh” gerufen wird …

Sel Dizman dreht und schneidet Image- und Event-Filme für Lifestyle-Marken. Film und Motorrad will er auf jeden Fall zusammenbringen. Bei seinem Film “Look of Sport” blitzt immerhin schon mal das Heck einer Honda Clubman auf. Er schwört auf den britischen Kurzfilm “The Tunnel of Love”, der den Geist der Café-Racer-Szene in seiner unnachahmlichen Mischung aus Proletenlässigkeit und Selbstironie stilvollendet einfängt.

Jan JoswigIn dem Film von 1997 (dem Jahr der Wiedereröffnung des “Ace Cafe” nach 28 Jahren Pause) mit der Musik von Clash-Sänger Joe Strummer bändelt ein Norton-Fahrer mit einer (Automatik-)Mercedes-Fahrerin auf der Nebenspur an. Mitten in der Hatz geht ihm einer ab (ein Öltropfen) und Norton und Mercedes-Cabrio steuern schnurstracks in den Tunnel der Liebe. Die Pointe am nächsten Morgen: Die Fahrerin ist eine Fahrzeugerschleicherin per Beischlaf. Während der erschöpfte Sexpartner (unser Motorradheld mit den lässigen Tränensäcken) noch schläft, macht sie sich mit der Norton auf und davon.

Das ist der Stoff, der so realistische Straßenkerle wie Motorradfahrer zum Träumen bringt.

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Jan Joswig (*1967) lebt in Kreuzberg, solange er zurückdenken kann, und schreibt über Menschen, Mode und Motoren. Der studierte Kunstgeschichtler ist Stilkolumnist beim Musikexpress, arbeitet für diverse Magazine wie Intersection, Zitty, Zoo Magazine – und ist bekennender Motorrad-Fan. Warum, erzählt er regelmäßig hier.

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