'Motorradmänner'-Kolumne
Kreuzberg-Motorrad I: BMW R80G/S

Rosinantes für die Kiez-Don-Quichottes in Kreuzberg: Jan Joswig über die alten Zwei-Ventil-Enduros von BMW.

Viele Pferdestärken, eine Hundestärke: Tim Adler vor der Garage 22

Viele Pferdestärken, eine Hundestärke: Tim Adler vor der Garage 22

“Altherrenscheiße”, “Inbegriff von Spießigkeit” – Peter von Urban Motor und Fotograf Tim Adler sind sich einig: In den Achtzigern waren die BMW-Boxer-Motorräder strikt verpönt. 30 Jahre später haben sie einen ganz anderen Nimbus. Die alten Zwei-Ventil-Enduros von BMW, die R80G/S (bis ’87) und der leicht modifizierte Nachfolger GS (bis ’94) sind heute die beliebtesten Rosinantes für die Kiez-Don-Quichottes in Berlin-Kreuzberg (aber natürlich auch in den libertären Milieus aller anderen Großstädte). Seitdem Harley-Fahrer nicht mehr von kahlgeschorenen Hooligans zu unterscheiden sind, müssen die letzten Zopfträger auf ihren R80G/S die Fahne irgendwie-linker Störrischkeit hochhalten.

BMW

Sieht nicht nur auf einem Kreuzberger Hinterhof gut aus: BMWs Zwei-Ventil-Enduro R80G/S

BMW-Enduro-Fahrer legen es nicht auf Geschwindigkeit an, die Wettbewerbsgesellschaft ist ihnen schnuppe. Die alten Zwei-Ventiler unterstützen sie dabei: genügsame Kaltblüter, bollerig statt schnittig, liebevoll als “Gummikuh” verspottet. Luftgekühlt, kardangetrieben, Zylinder, Vergaser, Ventile problemlos zugänglich und unbelästigt von modernen elektronischen Helferlein, sind sie das Gegenteil von affektiert und zimperlich.

Tim, der schon als Steppke auf dem Dorf aus zwei Mofas eins machte (“Wir haben viel kaputt gemacht …”), prostet seiner G/S zu, die vor der Garage 22, in der Tim mit Kumpels bastelt, ihren Boxermotor schaukelt wie kubanische Gentlemen ihre Eier in der Karibiksonne: “Die G/S ist das perfekt ausbalancierte Motorrad.” Die englischen Customizer von Untitled Motorcycles sind ganz auf seiner Seite: “Wir haben kaum etwas an der G/S verändert. Stattdessen haben wir sie wieder in den Originalzustand gebracht. Sie ist ein Klassiker und sollte mit Respekt behandelt werden.”

Jan JoswigTim hat sich nicht ganz so einschüchtern lassen. Seine G/S befindet sich im Verpuppungszustand von der Enduro zum Scrambler. Die Krümmer sind umwickelt, der Auspuff ausgetauscht, die Luftfilterplastikwanne ist rausgeflogen. Die Blinker hat er gegen Ochsenaugen am Lenkerende und das hintere Plastikschutzblech gegen ein kurzes Moto-Guzzi-Blech ersetzt, grobstollige Reifen aufgezogen, den Sattel verschlankt, das Farbklima abgedämpft. Seine G/S hängt gerade fest zwischen 1960 und 1980. Ein Klassiker als Bricolage-Motorrad, kein Entlein, das sich zum Schwan aufschwingt, sondern ein Schwan, der sein Gefieder wechselt (oder eine Gummikuh, die ganz laut muht).

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Jan Joswig (*1967) lebt in Kreuzberg, solange er zurückdenken kann, und schreibt über Menschen, Mode und Motoren. Der studierte Kunstgeschichtler ist Stilkolumnist beim Musikexpress, arbeitet für diverse Magazine wie Intersection, Zitty, Zoo Magazine – und ist bekennender Motorrad-Fan. Warum, erzählt er regelmäßig hier.

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