In seiner heutigen Motorrad-Kolumne hat Jan Joswig tief ins Customizer-Herz Berlins geschaut und gehört. Ein Besuch bei der Umbauschmiede Urban Motor.

Im Customizer-Herz Berlins: Urban Motors Hallen an der Jannowitzbrücke

Peter, der große Kommunikator bei Urban Motor (Foto: Tim Adler)
An der Jannowitzbrücke schlägt das Customizer-Herz Berlins. 2009 eröffneten hier Michel, Uwe und Peter (Nachnamen sind nur was für Bürokraten) die Umbauschmiede “Urban Motor”. Eigentlich gedacht für die Schachtel “Zweiventiler aus Europa”, haben sich immer stärker alte BMW-Boxer als Basismotorräder in den Vordergrund geschoben. Urban-Motor-Umbauten haben es bis auf die Website von bike.exif geschafft, der Vorzeigeplattform für technisch-ästhetische Custom-Glanzleistungen, neben so internationalen Größen wie “Deus” aus Australien oder “Blitz” aus Frankreich. Ihre Maschinen treten beim dogmatischen Oldtimer-Rennen “Race 61″ an, stehen aber auch vor einer Hipster-Boutique wie dem “14oz” in Berlin Mitte.
“Urban Motor” schafft den Spagat zwischen Schrauberleidenschaft und Hipstertraum. Peter weiß genau, auf welch kippligem Terrain sie sich damit bewegen:
“Alte Motorräder sind gerade eine Modeerscheinung. Customizing, Individualität, das weitet sich auf alle gesellschaftlichen Bereiche aus. Wir treiben das mit an, weil es unser Ding ist. Aber wir können nur erfolgreich sein, weil es gerade super angesagt ist. Das ist eine Katze, die sich in den eigenen Schwanz beißt.
In Deutschland gibt es viele Leute, die ganz tolle Sachen machen. Selbst in Berlin sind wir nicht einzigartig. Beide BMW-Customizer kommen aus Berlin, Urban Motor und Boxerschmiede. Dass wir als BMW-Customizer in den Vordergrund gerückt sind, liegt daran, dass die Nachfrage so groß ist.
Ich habe ’86 Abitur gemacht in Wilhelmshaven, für mich war es noch ein absoluter Traum, Motorrad zu fahren. In Friesland war Motorradfahren das Non plus ultra.

CRR No. 1 von Urban Motor (Foto: Tim Adler)
Was kann man sich als 18-Jähriger leisten? Mein erstes Motorrad war eine GS 400 von Suzuki, Baujahr 78, mit 50.000 runter und einer völlig verrosteten Auspuffanlage, die ich für 800 Mark gekauft habe. Hauptsache, man fuhr. Die Boxer von BMW waren unter Jugendlichen verpönt. Das war Altherrenscheiße. Heute kommen die jungen Leute zu Urban Motor und sagen, ‘so ein Ding hatte mein Vater auch, aber ich will es in cool haben. Ich habe es als Kind immer gehasst, ich habe mich für meinen Papa und seine langweilige Gurke geschämt. Aber ihr habt mir gezeigt, daraus kann man was machen.’
Eine 90S von BMW ist mittlerweile ein Investment, man verdient damit Geld. Die Leute gehen weg von den Wackelaktien und setzen auf Wohnungen und Fahrzeuge. Auch bei Umbauten wird nachgefragt: ‘Ist sie auch wertbeständig?’ Sie ist extra für dich gebaut worden, in deinem Herzen hat sie ihren Wert!

McQueen von Urban Motor (Foto: Tim Adler)
In England wird die Motorradkultur am unverkrampftesten zelebriert. Beim Ace Café Reunion trifft alles zusammen, was Spaß daran hat, auf einem motorisierten Zweirad zu sitzen. Da kommt kein Spruch, kein dummer Blick. Die stellen ihre Karre dahin, pumpen sich das Bier rein, feiern die Mucke und gehen nach dem Wochenende wieder auseinander. Das ist eine offene Szene. Auch Urban Motor ist entstanden, weil wir mal wieder richtig Spaß daran haben wollten, was wir machen. Wir bauen mit Urban Motor den Laden auf, den wir die letzten 30 Jahre vermisst haben.”
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Jan Joswig (*1967) lebt in Kreuzberg, solange er zurückdenken kann, und schreibt über Menschen, Mode und Motoren. Der studierte Kunstgeschichtler ist Stilkolumnist beim Musikexpress, arbeitet für diverse Magazine wie Intersection, Zitty, Zoo Magazine – und ist bekennender Motorrad-Fan. Warum, erzählt er regelmäßig hier.