'Motorradmänner'-Kolumne
Zwei Räder für ein Halleluja

Autofahren ist wie Fernsehen: Man haut sich in den Sessel und glotzt blöd. Motorradfahrer aber schließen an die antiken Helden an: Mensch und Maschine verschweißen zum Zentaur. Mit dem Auto überwindet man Entfernungen, mit dem Motorrad überwindet man sich selbst. Diese Kolumne fährt auf zwei Rädern ins Ungewisse.

Audi, eine Maus

Männer oder Mäuse? Autohersteller Audi hat die Frage anhand dieser Werbung längst selbst beantwortet. (Foto: Audi)

Die Epoche der tollkühnen Kisten ist längst vorbei. In Zeiten von automatischen Einparkhilfen heißt es: Männer oder Mäuse? Auf Autos scheint die Rolle der Mäuse zuzukommen, wie die Audi-Werbung (rechts im Bild) mit der Karosserie als Computermouse nahelegt. Bleibt für Männer* nur das Motorrad. Klar gibt es auch ABS-Hobel mit Elektronikoverkill an Bord, aber beim Motorrad zählt eh nur die Oldtimersparte. Rumbasteln an einer alten Moto Guzzi, Triumph, BMW und Harley etwa geht vor der Schlüsselübergabe beim Neuhändler. (Nicht, dass ich an meiner BMW je mehr ausgewechselt hätte als ein schwarzes gegen ein weißes Schutzblech …)

Aber wer sind die Motorradfahrer überhaupt? Beschränkt sich die Motorradklientel nicht auf Hinterwäldler, die ihr Zweirad im Schrebergarten parken? Die urbanen Kreativen fahren doch Fixie, aber nicht Motorrad?

Ha, Ihr Ahnungslosen, der Motorraduntergrund beginnt gleich bei Euch vor der Tür, sitzt Euch gegenüber im Gemeinschaftsbüro und beim Koreaner-Imbiss und prostet Euch auf den Vernissagen zu. Sie sind unter Euch! Aber während Ihr Euch nur die Red-Wing-Stiefel zum Posen kauft, hebeln sie damit die Gangschaltung rauf und runter (am abgeschabten Oberleder des linken Stiefels sollt ihr sie erkennen).

Um diesen Untergrund geht es hier. Um die Fotografen, Journalisten, PR-Agenten, Schauspieler, Party-Impressarios und Musiker, die sich auf runtergekommenen Garagenhöfen beim Zylinderrippenputzen darüber streiten, ob Hauntology oder Dreampop die scheußlichere Musikentwicklung ist.

Jan JoswigMittlerweile steht in jedem zweiten Boutiquenschaufenster ein Motorrad, aber den Menschen, von denen hier die Rede sein soll, rattert die Maschine durch die Adern. Ich werde meine Hand an ihren Puls legen und mich mit ihnen über die Welt zwischen Kolben und Kunst unterhalten.

(*Spreche ich von “Männern”, meine ich auch immer den Mann in jeder Frau, selbstredend, ich habe schließlich “She-Devils on Wheels” gesehen!)

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Jan Joswig (*1967) lebt in Kreuzberg, solange er zurückdenken kann, und schreibt über Menschen, Mode und Motoren. Der studierte Kunstgeschichtler ist Stilkolumnist beim Musikexpress, arbeitet für diverse Magazine wie Intersection, Zitty, Zoo Magazine – und ist bekennender Motorrad-Fan. Warum, erzählt er fortan regelmäßig hier.

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